Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.



Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –



„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –



Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –



„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –



Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –



„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –



Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

 

BALLADEN in HÖCHSTFORM

Im Deutschunterricht der Klasse 6 beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Balladen und deren Dichtern. Sie lernen auch, dass Balladen alle drei literarischen Gattungen, nämlich Lyrik, Epik und Dramatik, in sich vereinen.
Die Klasse 6c bekam von ihrer Klassen- und Deutschlehrerin Frau Franz die Aufgabe, in Dreiergruppen jeweils eine Strophe des „ERLKÖNIGs“ von J.W. Goethe zu gestalten. Dabei sollte der Goethetext nicht verändert werden, nur die innere Haltung der Figuren. So wurde ein sich wundernder Erzähler in Strophe 1 gemimt, ein sorglos chaotischer Vater lässt seinen Sohn beinahe fallen und der Erlkönig in der 7. Strophe ist auch mächtig gewalttätig. Es entstanden kreative Pferde, zauberhafte Erlkönige und überhaupt hat sich diese intensive Beschäftigung gelohnt und Spaß gemacht.
Ab morgen wird die Ballade einzeln vorgetragen, auswendig und in angemessenem Gestus. Dafür bekommen die Scholaren eine kritische Einschätzung der Klassenjury nach gemeinsam festgelegten Kriterien (…und natürlich eine Zensur…). Die Vorübungen und ein erster Schülerinnen-Vortrag haben die Messlatte ziemlich nach weit oben gelegt. Tolle Leistungen, die sich sehen und hören lassen.
Auf interessante Einzeldarbietungen freut sich
Susanne Franz